Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.09.2020 von Boris Buchholz

Inga Breusing, damals Schulleiterin der Conradschule in Wannsee, und Marina Jarra, Lehrerin an der gleichen Schule, besuchten 1989 das Dorf Sukuta in Gambia. Zwei junge, arbeitslose Lehrer überzeugten die beiden Berlinerinnen davon, dass der Ort eine Vorschule bräuchte. Zurück in Wannsee gründeten zwanzig Kolleginnen und Kollegen den Förderverein Sukuta-Wannsee. Die erste Aktion: Mit 320 DM Startkapital wurden Bänke und ein ehemaliger Ziegenstall gemietet, ein Brett mit Tafelfarbe gestrichen und 23 Kinder aus der Nachbarschaft eingeschult. Aus der Vorschule ist heute eine Schule mit über 600 Schülerinnen und Schülern geworden. Marina Jarra, heute 76 Jahre alt, verbringt seit 2005 jeweils das halbe Jahr in Gambia und das andere in Friedenau.

Frau Jarra, wo fühlen Sie sich mehr zuhause: in Wannsee oder in Sukuta am atlantischen Ozean? Ich habe das Glück zwei „Heimaten“ zu haben und möchte keine missen. Mein Mann war Gambier, er ist 2004 gestorben. Und da ich seit 1978 jedes Jahr Zeit in Gambia verbracht habe, wollte ich das auch ohne ihn weiter so machen.

Wie kam es dazu, dass Sie mitgeholfen haben, eine Schule aufzubauen und zu leiten? Zunächst einmal: Nein, ich bin nicht die Schulleiterin, das ist Sambou Kanteh. Nachdem wir die Vorschule einige Jahre vergrößert und finanziert hatten, baten uns die Eltern um eine Grundschule im Anschluss. Da wir als Verein nicht genügend Mittel dafür hatten, waren die Eltern bereit, Schulgelder zu zahlen um damit die Lehrergehälter zu bestreiten. Das hat geklappt und das Projekt wuchs.

Erzählen Sie von der Schule, was haben die Schulgründer aus Gambia und Deutschland seit 1989 erreicht? Nach der Grundschule haben wir durch die Unterstützung der Eltern auch die Oberschule bis zur neunten Klasse aufbauen können. Den Erfolg sehen wir jedes Jahr, die Schülerinnen und Schüler erzielen sehr gute Ergebnisse bei den Abschlussprüfungen. Im letzten Jahr waren wir im nationalen Ranking an dritter Stelle von 200 Schulen. Natürlich gab es immer wieder Hürden. Zum Beispiel wuchsen die Klassenstärken enorm an – über fünfzig Kinder in den unteren Klassen und kein Platz zum Bauen. Wir haben nun angefangen, drastisch zu reduzieren und haben das Ziel, dass maximal 36 Kinder eine Klasse besuchen. Aber die Eltern verstehen das nicht, wenn es heißt, es gibt keinen Platz für dein Kind.

Wie gut funktioniert denn der Schulbetrieb im Corona-Jahr 2020? Die Schulen sind seit März geschlossen. Die meisten Kollegen bieten Lektionen in WhatsApp-Gruppen an, aber das ist nicht ausreichend und die Kinder verwildern regelrecht. Am 28. September soll der Unterricht wieder losgehen, obwohl die Infektionszahlen noch steigen.

Auf der Website des Projekts habe ich gelesen, dass Sie sich Sorgen um die zukünftige Finanzierung machen. Sollten nicht mehr genug Spendengelder aus Deutschland fließen, könnte der gambische Staat die Schule übernehmen … Die Finanzierung ist eine Sache, aber noch mehr macht uns unsere Altersstruktur im Verein Sorge. Im Vorstand sind fast alle über 70 – wenn Sie aktiv werden wollen, Herr Buchholz, sind Sie herzlich eingeladen. Zur Finanzierung: Wenn die Schule an den Staat übergeben werden müsste, wäre das sehr schade, weil leider die Qualität der staatlichen Schulen meist nicht genügt. Deshalb wollen ja auch die Eltern unbedingt „unsere“ Schule.

Dieses Jahr wurde die Schule 31 und der Förderverein Sukuta-Wannsee 30 Jahre alt: Was wünschen Sie dem Projekt? Erst einmal müssen wir Corona und die Folgen überstehen. Alle 32 Angestellten wurden von uns weiter bezahlt, obwohl natürlich keine Schulgelder von den Eltern eingingen. Jetzt müssen wir sehen, wie wir den Unterrichtsausfall verkraften und wie die Eltern, die Corona-bedingt Einkommensausfälle hatten, das neue Schuljahr finanzieren können. Sollte alles einmal wieder im Lot sein, würden wir gern ein Science Lab einrichten für den naturwissenschaftlichen Unterricht an der Oberschule. – Text: Boris Buchholz
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Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. leute.tagesspiegel.de
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