Bericht einer Lehramtstudentin

(Bericht von Anna-Leonie W.)

"Du kennst die Schule und die Situation dort doch gar nicht. Wie willst du denn dort unterrichten?"
"Auslandspraktikum ist ja toll, aber warum denn gleich Afrika?"
"Ich bewundere dich, aber ich würde es mich nicht trauen."

So waren die ersten Reaktionen, als ich meinen Freunden und meiner Familie von meinem Plan erzählte an der Sukuta-Wannsee Schule ein 5-wöchiges Praktikum zu absolvieren.

Ich studiere Grundschullehramt an der Universität Frankfurt und für mein zweites Pflichtpraktikum wollte ich mich einer neuen Herausforderung stellen. Ich war schon immer interessiert an fremden Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Durch meine verschiedenen Auslandsaufenthalte habe ich bereits einen Einblick erhalten können, wie andere Menschen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten leben. Es war mir jedoch sehr wichtig, meinen Erfahrungsbereich durch den Besuch einer afrikanischen Schule zu erweitern. Nun musste noch eine passende Schule gefunden werden. Über die Prolina Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Projekte in Gambia zu vernetzen und ein Internetportal betreibt, fand ich die Sukuta-Wannsee Schule.

Ich gebe zu, dass ich vorab doch etwas zu kämpfen hatte mit meiner Unsicherheit: Werden mich die Kinder verstehen?
Ist es überhaupt möglich, selbst Unterricht zu übernehmen? Wie nehmen die afrikanischen Lehrer meine Unterrichtmethoden auf?
All diese Fragen schwirrten mir im Kopf herum, als ich am 12. September 2011 im Flugzeug nach Gambia saß. Es stellte sich bald heraus, dass meine Sorgen völlig unbegründet waren.

Mein erster Tag in der Schule verlief turbulent, es war auch der erste Tag nach den Sommerferien. Alle Schüler versammelten sich auf dem Schulhof, sangen das Schullied und lauschten einigen Reden der Lehrer. Ich war ganz beeindruckt vom hellen und freundlichen Schulgebäude und der Lebhaftigkeit der Schüler. Aber auch ich wurde natürlich als Europäerin neugierig gemustert. Der Schulleiter stellte mich als "Auntie Leo" vor, worüber ich sehr schmunzeln musste, da ich es aus Deutschland gewöhnt bin, als Lehrerin mit meinem Nachnamen angesprochen zu werden. Gleich am ersten Tag übernahm ich den Unterricht in einer Klasse, da ein Lehrer wegen Krankheit ausgefallen war. Es blieb also gar keine Zeit, sich über Dinge, die schieflaufen könnten, Gedanken zu machen. Ich wurde direkt in das Schulgeschehen eingebunden und gestaltete mit Hilfe der Schüler den Unterrichtsvormittag.

In den folgenden Wochen besuchte ich den Unterricht in allen Klassenstufen. Überall wurde ich sehr freundlich aufgenommen und die Lehrer waren froh, eine weitere Unterstützung zu haben. Ich assistierte im Unterricht, übernahm kleine Sequenzen oder korrigierte die Hefte in der Pause. In den Stillarbeitsphasen wanderte ich häufig von Tisch zu Tisch und half Schülern, die Probleme beim Lösen einer Aufgabe hatten.

Eine Schwierigkeit, besonders zu Beginn des Schuljahres, sind die unterschiedlichen sozialen Hintergründe und das Vorwissen der neu eingeschulten Kinder. Zwar wird in den Nursery- Klassen für die unter Sechsjährigen versucht, alle auf einen Stand bringen, dennoch sind auch später aufgrund der Diversität hohe Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse festzustellen - besonders was die Kenntnisse der englische Sprache angeht. Dies stellt die Lehrer natürlich vor enorme Herausforderungen, da es schwierig ist, allen Kindern in einer Klasse gerecht zu werden und innerhalb des Unterrichts zu differenzieren. Insbesondere vor dem Hintergrund der Klassengröße ist dies eine besondere Schwierigkeit. Zum Teil sind in den Klassen bis zu 48 Kinder und die Lehrer greifen somit meist zur Methode des Frontalunterrichts, um allen den Stoff vermitteln zu können. Trotz der nicht einfachen Ausgangssituation war ich davon beeindruckt, wie innovativ sich manche Lehrer zeigten. In einer 5. Klasse teilte ein Lehrer seine Schüler in Gruppen auf, ließ sie im spielerischen Lernen gegeneinander antreten und sicherte somit, dass Einzelne in der Masse nicht ganz untergehen.

Sehr gespannt war ich natürlich darauf, wie die Schüler meine - ihnen vielleicht neue Unterrichtsmethoden - annehmen würden.
In der 6. Klasse führte ich eine Stationsarbeit zum Thema Europa durch. Die Schüler sind kaum an Gruppenarbeit gewöhnt und auch Stationsarbeit war ihnen bisher unbekannt. Obwohl ich vorher einige Bedenken hatte, lief die Stunde sehr positiv. Ich wollte die Schüler gerne dahin führen, sich gegenseitig zu unterstützen und von dem Wissen der anderen zu profitieren. Mit ihrer ersten Stationsarbeit wurde auf jeden Fall hierfür ein Grundstein gelegt.

Ganz besonders großen Spaß machte es mir, bei den Nursery-Klassen mituhelfen. Ich war wirklich überrascht, wie schnell sich die Schüler neue Vokabeln merkten und englische Arbeitsanweisungen umsetzten, obwohl sie nur sehr wenig Englisch verstehen. Alle Schüler waren sehr wissbegierig und nahmen mit Freude am Unterricht teil. Ich führte mit ihnen eine Unterrichtseinheit durch, in der ich Fotos von meiner eigenen Familie zeigte und ihnen so die englischen Grundbegriffe einer Familie (wie "mother", "brother", "grandparents") beibrachte.

Aber ich unterrichtete nicht nur die Schüler, sondern ich lernte auch von ihnen. Mit Freude brachten sie mir einige afrikanische Abzählreime und Spiele bei oder lehrten mich in den Pausen Wörter in Wolof oder Mandinka. Einige Spiele werde ich sicherlich auch mit meinen deutschen Schülern ausprobieren.

Ich habe in meiner Zeit an der Sukuta-Wannsee Schule viel gelernt und bin dankbar für die neuen Erfahrungen. Besonders aber weiß ich jetzt unser deutsches Schulsystem mehr zu schätzen. Die Probleme der deutschen Lehrer erscheinen mir fast nichtig, wenn man diese vor dem Hintergrund der schwierigen Ausgangsituation in Gambia sieht und sie mit den dortigen Bedingungen vergleicht, wie z.B. fehlende Schulmaterialien oder zu große Klassen.

Abschließend kann ich nur jeden dazu ermutigen, die Sukuta-Wannsee Schule zu unterstützen oder direkt vor Ort zu helfen. Es herrscht eine starke Nachfrage nach Schulplätzen, denn die Schule ist sehr beliebt ist. Der Plan, weitere Klassenräume zu bauen, steht bereits und es wäre toll, wenn es noch mehr Schülern ermöglicht werden würde, diese Schule zu besuchen.

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