Domang domang

Ich verlasse das Flugzeug am Banjul Airport um kurz nach 22 Uhr und habe das Gefühl gegen eine Wand zu laufen. Das versteht man also unter Regenzeit und hoher Luftfeuchtigkeit.

Jede Menge Bälle, Schreibutensilien und auch einige Süßigkeiten, wecken das Interesse der Sicherheitsbehörden an meinem Koffer. Für fünf Euro dürfte ich den Kontrollbereich verlassen, aber da spiel ich nicht mit. Nachdem ich meinem Gegenüber verdeutliche, dass der Inhalt für die Schüler der Sukuta Wannsee Schule bestimmt ist, lässt er mich ziehen. Es soll einige der wenigen negativen Erfahrungen der nächsten 32 Tage bleiben. Manchmal zählt eben nicht der erste Eindruck, sondern das, was man daraus macht.

Bevor das Schuljahr 2014/15 losgeht, bleibt mir eine Woche um mich einzugewöhnen. Das gelingt dank der unbeschreiblichen Gastfreundlichkeit der Menschen in Sukuta sehr schnell. Besonders oft bin ich bei Familie Dampha zum Essen eingeladen. Als Gast bekomme ich nicht nur die größte Portion, sondern bin auch dazu angehalten, den Teller oder die Schüssel restlos zu leeren. „Enjoy your food“, wie Baboucarr mich immer wieder erinnerte.

Aber das Essen ist nur eine Seite der unaussprechlichen Herzlichkeit in The Gambia. Anstelle von Kaffee wird hier Attaya gereicht, grüner Tee, der in einem schon fast meditativ anmutenden Verfahren gekocht, aufgeschäumt und serviert wird. Allein die vielfältigen und individuellen Zubereitungsformen würden genug Stoff für ein ganzes Buch liefern.

Darüber hinaus hatte ich das Vergnügen an Tobaski, dem Islamischen Opferfest, in Gambia zu sein. Die Kinder bekommen neue Kleidung, alle Menschen sind noch fröhlicher als sonst und es wird gegessen und gegessen. An diesem Tag wird traditionell ein Schafbock geschlachtet und mit Verwandten, Freunden, Nachbarn und Bedürftigen geteilt. Ich durfte dennoch rund drei Tage Schaf essen.

Allerdings bin ich nicht nur zum Essen und Trinken nach Gambia gekommen. Unter anderem konnte ich eine beträchtliche Spende für die Schulbibliothek übergeben. Nathalie und Siri, meine beiden Volunteer-Vorgängerinnen hatten Geld in Deutschland und Schweden gesammelt. Mit dem Geld konnten wir den Bestand an Büchern erweitern und Übungsbücher für die 3. Klasse kaufen. Während meiner ersten Schulwoche war ich mit verschiedenen Aufgaben rund um die Bibliothek beschäftigt, habe etwas „organisation“ - wie Master Sambou sich ausdrücken würde - eingebracht, aber auch Grundschüler unterrichtet sowie Bücher ausgegeben.

 

Darüber hinaus nahm ich noch am Unterricht der Vorschulklassen teil und konnte mir ein Bild davon machen wie die Schülerinnen und Schüler spielerisch an die englische Sprache herangeführt werden. Die Gegebenheiten vor Ort sind nicht mit unseren europäischen zu vergleichen, geschweige denn nachvollziehbar. Ich kann nur den Hut ziehen und den Lehrkräften in Sukuta meinen tiefsten Respekt aussprechen für das, was sie leisten.

Eine besondere Freundschaft konnte ich zum Schulsprecher Dawuda Bojang aufbauen. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und lehrten uns gegenseitig unsere Muttersprachen. Wobei ich gestehen muss, dass er deutlichere Fortschritte in Deutsch machte, als ich in Mandinka. Neben unserem sprachlichen Austausch wurde natürlich eine Menge Fußball gespielt, wobei aufgrund des Wetters für mich nach fünf Minuten galt: „Domang domang“. Das ist Mandinka und heißt soviel wie „Mach mal langsam!“ Genauso langsam ging es leider mit dem Aufstellen von zwei Basketballkörben voran, sodass ich diese leider nicht selbst einweihen, aber doch an meinem letzten Tag aufstellen konnte. Dawuda und Master Sambou haben mir aber per Mail versichert, dass sie derzeit sehr stark genutzt werden. Des Weiteren scheinen die Basketbälle auch eine längere Lebenszeit als die Fußbälle zu haben.

Neben Sport, Vokabeln lernen und Arbeiten in der Schule, wurde ich Teil von mehreren gambianischen Familien oder besser gesagt, sie wurden ein Teil von mir. Ich kann diese menschliche Wärme und Offenheit nicht in Worte fassen und bin immer noch gerührt, wenn ich an meine Zeit in Sukuta zurückdenke. Ich durfte mich frei fühlen und habe trotz drohender Ebolaepidemie, Moskitoattacken, sturmartigen Regenschauern, die Bäume und Mauern umwerfen, das Bedürfnis sofort wieder in den Flieger zu steigen.

Natürlich steht man als „Toubab“, also „Weißer/Fremder“, immer im Zentrum der Aufmerksamkeit. Händler erhöhen fast automatisch ihre Preise und die Kinder am Wegesrand kreischen aufgeregt, umringen einen, zehren mitunter an dir und bitten um Geld oder Süßes. Dennoch weckt dieser kleine Fleck an der afrikanischen Westküste eine Sehnsucht. Die Lebensfreude der Gambier ist ansteckend, jeder hat ein Lächeln im Gesicht und man nimmt sich Zeit füreinander.

Simon Aettner

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